Plumpe Wirtschaftskritik in Weihnachtsbotschaften geht am Wesentlichen vorbei

Matthias Fischbach

Es ist wieder soweit, die Zeit der Weihnachts- und Neujahrsbotschaften bricht an. In festlichem Ambiente sind sie eine Möglichkeit, mal einen Blick über den eigenen Tellerrand zu wagen und sich auf moralische Werte zu besinnen. Vermutlich werden auch diesmal dabei aktuelle Kriege mit ihren Flüchtlingen Thema sein, oft wird es um gesellschaftlichen Wandel gehen und sicherlich auch um Armut in Deutschland und der Welt. Dies alles zurecht.

In den letzten Jahren fällt mir allerdings vermehrt auf, dass es wohl inzwischen zum guten Ton zu gehören scheint, diese ganzen Probleme anschließend in einer relativ plumpen Art und Weise auf unser Wirtschaftssystem als Wurzel allen Übels zurückzuführen. In einem zeigefingerschwingenden Tonfall und mit einer kleinen Prise verschwörungstheoretischer Empörung heißt es dann etwa sinngemäß: Schuld an alledem sei der ungezügelte Finanzkapitalismus, die schamlose Profitgier und die neoliberale Ideologie, welche die reichen (Länder) immer reicher und die armen immer ärmer mache.

Schlecht läuft es dort, wo zu wenig marktwirtschaftliche Prinzipien gelten

Dies aber größtenteils zu unrecht. Mehr noch, diese Form der Kritik geht eigentlich an den wesentlichen Problemen vorbei und nimmt damit sogar noch in kontraproduktiver Weise den Fokus von jenen. Um es herunterzubrechen: Schlecht geht es den Menschen vor allem dort, wo zentrale Elemente der kapitalistischen Wirtschaftsordnung von korrupten Herrschern außer Kraft gesetzt wurden. Denn es ist gerade die Stärke des kapitalistischen Wirtschaftssystems, dass es nicht nur altruistisch veranlagte Menschen, sondern auch profitgeile, rücksichtslose Egoisten, dazu bringt, im Sinne der Allgemeinheit zu wirken. Durch den Schutz von Privateigentum und Vertragsfreiheit bei freiem Wettbewerb wird verhindert, dass sich die Starken auf Kosten der Schwächeren bereichern können und ermöglicht, dass Vereinbarungen nur dann getroffen werden, wenn sie allen Beteiligten nützen und keinem Dritten schaden. Dadurch, dass die Rolle des Staates im kapitalistischen System im Grunde auf die Sicherstellung der Rahmenbedingungen für diesen Prozess beschränkt ist und eine direkte Einmischung in jenen eben nicht vorgesehen ist, wird Macht und deren Missbrauch begrenzt.

Wo Herrscher Macht über den Wirtschaftsprozess haben, gibt es Missbrauch

Die Probleme fangen in der Regel überall dort an, wo Staaten und Herrschaftssysteme sich eine größere Einmischung und Macht über den Wirtschaftsprozess zugestehen. Es ist der Irrglaube aller gutmeinenden Sozialromantiker, dass es reichen würde, sich einfach besonders altruistische Herrscher herauszusuchen und diese mit schier unbegrenzter Macht auszustatten, damit sie für eine „gerechte“ Ressourcenverteilung sorgen können. Wer das denkt, übersieht, was Macht aus Menschen und ihrem Charakter macht.

Neben all den Ineffizienzen und Informationsmängeln von Zentralverwaltung und Planwirtschaft war das schon immer das Kernproblem sozialistischer Staaten. Nicht umsonst heißt es schon in George Orwells Animal Farm, einer Parabel auf die Geschichte der Sowjetunion, letztendlich: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.

Trotzdem ist es genau diese Richtung, in die all die gutmeinenden Kapitalismuskritiker unsere Gesellschaft implizit oder zumindest unbewusst gerne drängen möchten, wenn sie unser Wirtschaftssystem zum Kernübel erklären. Damit irren sie, denn es ist nicht ein Übermaß an marktwirtschaftlichen Prinzipien, das unbefriedigende Ergebnisse produziert, sondern deren fehlen und das Übermaß an staatlicher Einmischung.

Versteht mich hier bitte nicht falsch, es ist mir vollkommen klar, dass eben auch viele Unternehmen in unserem überwiegend kapitalistischen System ethisch sehr fragwürdig handeln – z.B. durch die Finanzierung ausbeuterischer Praktiken. Mir geht es aber darum, aufzuzeigen, dass ihnen das nur dort möglich ist, wo keine vollumfängliche marktwirtschaftliche Ordnung herrscht. Die Lösung kann also nicht darin liegen, stärker auf kollektivistische Wirtschaftssysteme mit großem Staats- und Umverteilungsapparat zu setzen, weil diese eben die Manipulationsspielräume für opportunistische Geschäftemacherei nur weiter erhöhen.

Weihnachtsbotschaften sollten die wirklichen Armutsursachen aufgreifen

Nicht wenn Spekulanten in Erwartung von Knappheiten die Nahrungsmittelpreise hochtreiben, ist dies ursächlich für die Armut etwa in Afrika. Vielmehr trägt dazu bei, dass unser staatlich übersubventionierter Agrarsektor in Europa die weltweiten Märkte mit Billignahrungsmitteln flutet und damit die Konkurrenzfähigkeit und Wirtschaftsgrundlage für Landwirte in armen Ländern zerstört. Vielmehr trägt dazu bei, dass unsere Regierungen aus Rücksicht um den Erhalt eben jener Subventionen sich im Rahmen der WTO jahrelang darum drückten, dass ein wirklich umfassendes, globales Freihandelsabkommen möglich wird (und nicht nur mit Kanada und USA), welches auch den ärmeren Staaten eine Chance lässt. Vielmehr trägt dazu bei, dass wir profitorientierte Finanzinvestitionen als bösen Kapitalismus geißeln und lieber gut gemeinte Entwicklungshilfe nach Afrika senden. Diese hilft jedoch nicht dabei, dass sich dortige Volkswirtschaften einen Platz in der internationalen Wertschöpfungskette erkämpfen können, sondern erhöht eher deren Abhängigkeit vom Unterstützungstropf weiter und erhält so korrupte Herrschaftssysteme.

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Eine Weihnachtsbotschaft, die wirklich das Ziel hat, effektiv zur Bekämpfung von Armut aufzurufen, sollte unsere Gesellschaft dazu anregen, darüber nachzudenken, welche profitablen und somit nachhaltigen Investitionen in armen Ländern möglich sein könnten – und welche Hindernisse dafür noch beseitigt werden müssten. Was hätte es wohl für einen Effekt, wenn alleine schon die Kirche statt dem Kapitalismus mal ganz konkret die Korruption und deren Betreiber in einigen christlich geprägten Staaten kritisieren würde? Das könnte einigen Betroffenen spürbar die Legitimationsgrundlage für ihr Handeln entziehen und damit wäre schon einiges erreicht. Das ist zumindest meine Meinung.