Warum ich unsere Nationalmannschaft unterstütze und Nationalismus trotzdem ablehne

Matthias Fischbach

Pünktlich zur EM führt unser Land wieder die fast erwartbaren Debatten über dunkelhäutige Nationalspieler auf der einen und Deutschland-Fahnen auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Zeit für etwas mehr Gelassenheit! Man kann „Die Mannschaft“, wie sie sich nennt, auch unterstützen, ohne sich das von den rechten oder linken Extremen madig machen zu lassen.

Die sympathische Truppe rund um den jetzigen Kapitän Bastian Schweinsteiger gewann mit einer überragenden Leistung die WM 2014 und hat nun als einer der Favoriten gute Chancen, in Europa ebenfalls den Titel zu holen. Ich drücke ihr dabei auf jeden Fall die Daumen. Zum einen, weil sie weltklasse Spieler hat, wie Neuer, Boateng, Özil oder Müller, bei deren Fußballkünsten es einfach Spaß macht, zuzusehen. Zum anderen aber auch, weil sie als Vertreter meines Heimatlandes antreten. Ja, obwohl ich hier nicht immer mit allem zufrieden bin, was gesellschaftlich und politisch läuft, obwohl ich die Bedeutung von Staaten und Staatsgrenzen zurückdrängen möchte und obwohl ich meine Einschätzung von Menschen vorwiegend von anderen Dingen als der Herkunft abhängig machen möchte: Deutschland ist einfach das Land, in dem ich aufgewachsen bin, in dem lebe und auch einen größeren Teil meiner Zukunft verbringen möchte. Vieles verbinde ich mit diesem Land und es ist mir wichtig, wie es nach außen vertreten wird. Fußballerisch, ebenso wie bei dem, was unsere Fußball-Auswahl sonst noch (re)präsentiert.

So habe ich natürlich auch schon bei der letzten WM mitgefiebert, mich über jeden Sieg sehr gefreut und am Ende mitgefeiert, selbst wenn der berühmt gewordene Gaucho-Tanz damals für meinen Geschmack einfach überflüssig war. Die Grünen liegen zwar mit Ihrer Kritik soweit richtig, dass Rechte versuchen die allgemeine schwarz-rot-goldene Feierlaune zu missbrauchen. Sie wollen aus weltoffenen Patrioten ausländerfeindliche Nationalisten machen und die positiv konnotierte Wahrnehmung einer nationalen (Fan-)Gemeinschaft trägt dazu sicher ein wenig bei, manchen dafür unkritischer werden zu lassen. Aber vor lauter antifaschistischen Scheuklappen übersehen die linken Aktivisten bei der Grünen Jugend etwas Entscheidendes und erreichen vielmehr noch das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen. Durch ihre oberlehrerhaften „Fahnen runter!“-Aufrufe oder die teils unterstützten/geduldeten Diebstähle von Fan-Utensilien wie Autoflaggen, bringen sie die Bevölkerung gegen sich und ihre Positionen auf. Sie treiben manche schon allein aus Trotz näher zu den Rechten, was man beispielhaft an den Reaktionen in den Kommentarspalten sehen kann.

Dabei bringen unsere deutsche Nationalmannschaft und unsere Nationalfarben doch etwas ganz anderes zum Ausdruck, als von linker Seite befürchtet wird. Schwarz-Rot-Gold steht nicht für das faschistische Deutschland unter Hitler. Im Gegenteil, die Nazis verschmähten diese Farben. Unsere Nationalflagge steht für das Hambacher Fest und die folgenden Bewegungen für eine Überwindung der Grenzen in dem Gebiet, was später Deutschland wurde. Die Fahne wehte auch in der Frankfurter Paulskirche über dem ersten Parlament, das wir hier hatten und es waren später wieder die Farben der demokratischen Weimarer Republik. Schwarz-Rot-Gold bedeuten für mich Freiheit, demokratischen Rechtsstaat und Einheit statt Abschottung. Haben wir doch den Mut, das wieder in Erinnerung zu rufen, wenn Rechte versuchen, sie für Ihren selbstherrlichen Nationalismus und ihren engstirnigen Fremdenhass zu missbrauchen.

Apropos Fremdenhass. Unsere Nationalmannschaft ist in ihrer aktuellen Zusammensetzung ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration – und die macht sich an vielem, aber sicher nicht am Singen der Nationalhymne fest. Wesentlich wichtiger ist es, dass alle das gemeinsame Ziel verfolgen, etwas zu erreichen. Wenn eine Mannschaft so zusammenhält, wie es unsere bei der WM getan hat, kann sie mehr erreichen, selbst wenn der Kontrahent den besten Fußballer der Welt in seinen Reihen hat. Hingegen ist es gar nicht auszudenken wo unsere Fußballer-Auswahl gelandet wäre, wenn die Spieler genau dieselben Berührungsängste pflegen würden, wie sie manche Rechte zurzeit schüren.

Abgesehen davon frage ich an dieser Stelle mal ganz prinzipiell, was ist eigentlich fremd, was ist deutsch? Gerade Spieler mit Migrationshintergrund spiegeln wider, was in unserer Gesellschaft schon immer Realität war und ist. Menschen leben nicht in fest abgegrenzten Volksgruppen, Migration war seit jeher ein vitaler Faktor der neben aller Veränderung auch Fortschritt bringt. Je weiter man zurück schaut, in fast jeder Biografie lassen sich recht bald „nicht-deutsche“ Vorfahren finden (mein Urgroßvater war zum Beispiel Osteuropäer). Während ein Gauland und seine Anhänger damit offensichtlich ein Problem haben, freut es mich. Denn ich bin froh in einem weltoffenen Land zu leben, in dem nicht darauf geschaut wird, in wievielter Generation jemand hier lebt oder von wem er biologisch abstammt. Das bringt die Nationalelf für mich ebenso zum Ausdruck!

Wir haben in unserer Geschichte gelernt, wohin rassistisches Denken führt und haben die richtigen Schlüsse gezogen. Wir sollten nicht dem übertriebenen Nationalstolz anderer Länder nacheifern, aber die deutsche Fußballmannschaft anzufeuern, muss einem kein schlechtes Gewissen bereiten. Soweit meine Meinung.

PS: Noch vor der Gauland-Debatte und dem grünen Fahnenverbot der vergangenen Tage hatte ich mir ein Deutschland-Trikot gekauft, das ich auch heute Abend tragen werde. Es ist das von Jérôme Boateng. Meiner Meinung nach der beste Innenverteidiger der Welt und ein cooler Typ!