Drei Wochen Fernbeschulung wegen Corona – was lernen wir daraus?

Matthias Fischbach

Die aktuelle Lage aufgrund der Corona-Pandemie ist für alle Beteiligten keine einfache. Das merke ich nicht zuletzt an der Vielzahl von Rückmeldungen, die ich seit den am 13. März verkündeten Schulschließungen von Schülern, Eltern und Lehrern bekommen habe. Ob und in welchem Maße es nach den Osterferien wieder mit Präsenzunterricht weitergehen kann ist noch unklar und wird in den nächsten Wochen entschieden. Grund genug also, um die bisherigen Erfahrungen mit dem Lernen von Zuhause etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hierzu habe ich unter anderem eine sogenannte Anfrage zum Plenum eingesetzt. Das ist eine kurze Abgeordnetenfrage an die Staatsregierung mit maximal drei Unterfragen (was oft zu Bandwurmsätzen führt), die sehr kurzfristig beantwortet werden muss.

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Das Ministerium hatte am 12.3. allen Schulen an erster Stelle die Nutzung seiner gern zitierten Lernplattform „mebis“ nahegelegt und daran auch am 13.3. in nochmals in einem Schreiben des Kultusministers erinnert. Mebis soll sich eignen, um „mit Schülerinnen und Schülern in einem virtuellen Klassenzimmer in Kontakt zu treten, Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, Lernaufgaben zu erledigen und auszutauschen und Schülerinnen und Schülern Feedback zu geben.“

Soweit so gut, aber wie viele nutzen diese Plattform wirklich? Zum System hat grundsätzlich erst mal jeder Lehrer und Schüler einen Zugang – nur oft fehlen die Zugangsdaten oder sind mangels Alltagsnutzung verlegt worden. Die Antwort auf meine Frage war ernüchternd. Auf ganz Bayern gerechnet war eine Woche nach der doppelten Aufforderung des Ministeriums nicht einmal jeder zehnte Schüler oder Lehrer in der Plattform aktiv. Rechnet man die Grund- und Förderschulen heraus, bleibt es ein ernüchterndes Bild, wenn sechs von sieben Betroffenen sich am Tag nicht mal anmelden. Genauere Verlaufsinformationen oder gar regional auswertbare Daten wollte mir das Ministerium trotz expliziter Nachfrage nicht nennen.

Natürlich gibt es noch sehr gute andere Methoden und Möglichkeiten in diesen Zeiten sinnvolles Lehren und Lernen zu gestalten. Ich habe deshalb das Kultusministerium gefragt, ob es sich hierzu eine zentrale Erhebung von Schülerfeedback vorstellen könne, um dadurch die aktuelle Lage evaluieren und verbessern zu können. Dies wird seitens des Kultusministeriums aber eher als Behinderung der Arbeitsabläufe angesehen. Man warnt sogar vor zu frühen Erhebungen.

Ich sehe das natürlich anders, weil es relativ einfach digital möglich wäre und wir eine strukturierte sowie repräsentative Entscheidungsgrundlage brauchen, um über die Wiederaufnahme des Unterrichts und den Zeitpunkt von Prüfungen befinden zu können. In Folge der Berichterstattung über die mebis-Zahlen werde ich vermehrt von engagierten Lehrkräften darauf angesprochen , dass Schulen sich jenseits von mebis gut organisieren. Deshalb sei das noch einmal explizit erwähnt.

Selbstverständlich hatte auch im Vorfeld schon Kontakt mit Lehrern, die quasi für Best-Practice-Beispiele stehen. Dennoch haben sich die kritischen Äußerungen relativ deutlich gehäuft, wie ich in diesem Video und dem darin beschriebenen Brief an Piazolo schildere. Letztlich kommt es doch sehr darauf an, dass Schüler entweder schon sehr weit im eigenständigen Lernen sind, sie helfende Eltern haben oder eben direkt digitale oder telefonische Unterstützung und Begleitung durch Lehrkräfte erleben. So wird die jetzige Situation schnell zur Frage der Chancenfairness. Können die Eltern nicht helfen und sind Lehrkräfte nur indirekt oder gar nicht erreichbar, hat der Schüler schnell das Nachsehen!

Nach vielen persönlichen Gesprächen, Live-Schalten und Telefonaten mit Verbänden habe ich vergangenen Freitag unterschiedliche an mich herangetragene Problemlagen an den Minister weitergegeben. Diese reichen von nicht direkt erreichbaren Grundschullehrern über den künstlich gesteigerten Prüfungsdruck bis hin zu Abiturienten, die trotz kritischer Lernphase von manchen Lehrern noch kein Lebenszeichen gehört haben. Vor diesem Hintergrund habe ich auch die Entsendung von über 1.000 Lehrkräften an die Gesundheitsämter kritisch hinterfragt.

Schreiben-an-den-Staatsminister

Mir ist aber umso mehr an Lösungen gelegen, die ich skizziert habe:
– eine strukturierte und repräsentative Erhebung, wie die aktuelle Fernbeschulungsphase auch aus Schülersicht wahrgenommen wird,
– eine zentrale Service- und Beschwerdestelle,
– eine eindeutige Erreichbarkeitsvorschrift für Lehrer, wie es sie in NRW schon gibt,
– eine besondere Beachtung der schweren Situation von Azubis,
– zeitnahe Entscheidung über Abschlussprüfungen in allen Schularten,
– Einrichtung einer Ferienbereitschaft zur Unterstützung von Schülern in diesen Osterferien und
– eine klare Priorisierung des Stoffs nach der Fernlernphase, eine Festigungswoche ohne Prüfungsdruck und eine kluge Staffelung der Abschlussprüfungen.

Das alles hat es leider nicht in die kurze Meldung zu „mebis“ gebracht. Deshalb stelle ich es hier ausführlich dar und freue mich weiter über Eure Rückmeldungen zur aktuellen Lage und Anregungen zur Zukunft. Lasst uns aus der Krise lernen!